Rui Passos

Afghanistan – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Niemand würde dies heute behaupten, in Anbetracht der Geschehnisse, die uns heute vor Augen geführt werden.

Ein Land, das tagtäglich von neuem Terror in Form von Selbstmordanschlägen, Bandenkriegen und Korruption in seinem Wiederaufbauprozess aufgehalten wird. Gebeutelt von unzähligen Kriegsjahren, versucht das Land heute seinen Weg in das 21. Jahrhundert zu finden, verwundet, aber dennoch zuversichtlich in die Zukunft blickend.

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat mit ca. 25 Millionen Einwohnern. Die afghanische Nation setzt sich zusammen aus der Volksgruppe der Paschtunen (welche mit 38% die größte Volksgruppe ausmachen), den Tajiken (25%), den Hazara (19%), sowie den Usbeken (5 %). Der restliche Teil der Bevölkerung besteht aus anderen Volksgruppen.

Heutzutage lebt und arbeitet die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung auf dem Land, vornehmlich in der Nähe von bewässerten und fruchtbaren Tälern, sowie von Flüssen. Gerade die sehr kalten Wintermonate führen in den länd- lichen Dörfern zu Lebens erschwerenden Bedingungen für die ärmliche Zivilbe- völkerung. Aufgrund dieser aufreibenden Lebensumstände strömt ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung in die Ballungsgebiete der Hauptstadt Kabul (ca. 2 Millionen Einwohner) und den Handelszentren Kandahar (230.000 Einw.), Herat (180.000 Einw.) und Mazar-i-Sharif (130.000 Einw.), um das Brot für das Überleben der eigenen, oftmals riesigen Familie zu sichern.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Afghanistan liegt bei etwa 40 Jahren, was im heutigen Europa kaum vorstellbar wäre. Nur 5 % der afghanischen Bevölkerung ist über 60 Jahre alt, wobei 50 % der Afghanen gerade einmal das

fünfzehnte Lebensjahr erreicht haben. Ferner existiert in Afghanistan die höchste Kindersterblichkeitsrate der Welt, was bedeutet, dass 257 von 1000 Kindern nicht einmal das fünfte Lebensjahr erreichen.

Das Bildungsniveau ist im Vergleich zu dem europäischer Länder sehr gering. Nach über 30 Jahren Krieg und Kämpfen sind Generationen von Kindern in Af- ghanistan traumatisiert und haben noch nie eine Schule besuchen können.

Die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung (ca. 80 %) besteht aus Analpha- beten. Eine unvorstellbare Zahl im Vergleich zu beispielsweise Deutschland, welches eine Analphabetenrate von ca. 4% besitzt.

Laut Aussagen der UNO können im heutigen Afghanistan ungefähr ein Drittel der Jungen, bzw. nur jedes dreißigste Mädchen eine Grundschule besuchen. Doch warum ist dies heutzutage so, obgleich der Krieg vorbei ist und der Demokratisierungsprozess begonnen hat? Es existiert zwar ein staatliches Bildungssystem, aber es erreicht zumeist nur die Kinder in den Städten, so dass die Bildung auf dem Land keinen Einzug findet. Überdies gibt es in Afghanistan keine allgemeine Schulpflicht, weil die Kinder oftmals das Überleben der eigenen Familie durch ihre Arbeitskraft gewährleisten müssen. Sie finden aufgrund geringer Lohnkosten schnell Arbeit, sei es in Fabriken oder auf dem Feld. In Deutschland wäre so eine Situation unvereinbar mit dem heutigen Gesellschaftsverständnis. In Afghanistan ist diese Situation eher gewöhnlich, zumal getreu alter Traditionen viele Kinder früh das Tagewerk ihrer Väter erlernen. Folglich besuchen die meisten Kinder in Afghanistan nur sehr unregelmäßig und oftmals auch nur wenige Jahre die Schule.

Ein weiterer wichtiger Aspekt hinsichtlich des schwachen Bildungsstandes in Afghanistan sind die fehlenden Lehrer, die nach den Kriegsjahren überlebt, bzw. nach ihrer Flucht vor der jeweils herrschenden Macht im Land nur schleppend in ihre Heimat zurückkehren. Auch sorgt die häufig nur provisorische Ausstattung der Schulen, d.h. zerstörte sanitäre Anlagen, nicht vorhandene Schultische, Bücher oder Schreibzeug, für erbärmliche Lernbedingungen (siehe Reportage über die Schule Kalay Fatullah).

Es ist nicht verwunderlich, dass Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt ist, da die vergangenen kriegerischen Jahrzehnte das heutige Land in eine vorindustrielle Zeit katapultierten. Gegenwärtig dominieren Viehzucht und Landwirtschaft das wirtschaftliche Vorankommen, wobei ein produzierendes Gewerbe nur vereinzelt vorhanden ist, nämlich vorwiegend in den großstädti- schen Handelszentren (Kabul, Kandahar, Herat, Mazar-i-Sharif).

In kleinen Manufakturen bzw. in Heimarbeit werden orientalischer Schmuck, Teppiche, sowie feine Stoffe angefertigt. Aufgrund fehlender technischer Anla- gen können in Afghanistan verborgene Bodenschätze, d.h. Erdgas, Eisen-, Kupfer-, Blei- und Silbererze wie auch Kohle, Salz und Lapislazuligestein nicht abgetragen werden, die der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes sicherlich einen bedeutsamen Aufschwung ermöglichen könnten. Neben dem Anbau von Weizen, Gerste, Reis oder auch Mais, gehört der illegale, aber äußerst überlebensnotwendige Schlafmohnanbau zum Alltag der meisten afghanischen Bauern. Aus dem angebauten Schlafmohn wird Rohopium gewonnen, das dann auf verschiedenste Wege auf andere Kontinente gelangt, damit es zu Heroin weiterverarbeitet werden kann. Die afghanische Rohopi- umproduktion deckt heutzutage einen Großteil der globalen Drogennachfrage. Ein afghanischer Bauer kann seine 12-köpfige Familie mit zwei bis drei Hektar Land, das er zum Mohnanbau nutzt, ein ganzes Jahr ernähren. Das heutige Dilemma der Bedeutung des Mohnanbaus für die ländliche Bevölkerung Afghanistans, die damit ihr Überleben gewährleisten kann, wurde zwar erkannt, aber es existieren noch keine gleichwertigen Alternativen.

Afghanistan wird sich nur selbst zu einer Demokratie entwickeln und in eine friedvolle Zukunft blicken können, wenn die Bildung präventiv Barrieren abbaut, sei es in Bezug auf die unterschiedlichen Volksgruppen im Land als auch auf die eigene kriegerische Geschichte. Diese Bildungs-, Modernisierungs- und Demokratisierungsoffensive kann nur bei der jüngsten afghanischen Generation Früchte tragen, die langsam wieder Mut schöpft, sei es auch durch unsere Hilfe!