Mortaza Nawrozzadeh

Das Bildungsniveau im heutigen Afghanistan ist sehr niedrig. Zwar wurde das staatliche Bildungssystem wieder etabliert, dennoch sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts ca. 90% Prozent aller Frauen und 50 % der Männer Analphabeten.

30 Jahre Krieg, Terror und Zerstörung haben ihre Spuren hinterlassen. Mit dem Projekt „Afghanistan“ möchten wir zunächst die Tagesschule Kalay- Fatullah mit den nötigen Materialien versorgen um somit den Schülern in solch einer schweren Zeit den Schulbesuch zu erleichtern.

Die Tagesschule unterrichtet seit 2003 ca. 340 Schüler/innen in den Fä- chern Dari/Farsi, Englisch, Deutsch, Französisch, Mathematik, Physik, EDV und Sport. In den neun Klassen werden Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet. Obwohl keine geschlechtliche Trennung besteht, müssen die Mädchen in den vorderen und die Jungen in den hinteren Reihen sitzen. Diese Schulform ist ein großer Fortschritt gegenüber dem Taliban-Regime, in der Mädchen kein Recht auf Bildung besaßen. Die Klassen- räume vieler afghanischer Schulen sind sehr klein, einfach und karg möbliert. Dies ist auch der Fall an der Tagesschule Kalay- Fatullah.

Aufgrund der beengten Räumlichkeiten und der großen Schüleranzahl, 45 pro Klasse, ist es nicht möglich alle Klassenzimmer mit ausreichend Tischen auszustatten, da schlichtweg der Platz fehlt. Aus diesem Grund sind die Schü- ler/innen gezwungen, ihre Mitschriften auf ihrem Schoß zu führen.

Der Zuwachs ist weiterhin auf die Rückkehr der Mädchen und Frauen in die Klassenzimmer zurückzuführen, die fast zehn Jahre lang von der Bildung ausge- schlossen waren.

Trotz der liberalisierten Schulform, sind viele Eltern traditionsbedingt dagegen, dass ihre Töchter ein Klassenzimmer mit Jungen teilen, ganz zu schweigen von den gemeinsamen Sanitärbereichen- denn jede zweite Schule in Afghanistan besitzt keine separaten Toiletten. Unser Verein setzte sich das Ziel die Schule Ka- lay-Fatullah mit Büchern sowohl für den Unterricht als auch für die Schulbiblio- thek auszustatten. Für die Klassenräume sahen wir stabile Stühle und Lehrerpulte, sowie Bälle und andere Sportausrüstungen für den Sportunterricht vor. Mortaza N. flog am 4. März ́07 nach Kabul, um unsere Pläne in die Tat umzusetzen.

Es ist Sonntag, der 4. März ́07. Nach sechs Stunden Flug machen wir einen Zwischenstop in Dubai. Der Flieger soll um 7.00 Uhr morgens starten, doch zu meinem Bedauern er- hält er keine Erlaubnis, die schlechten Wetterbedingungen in Kabul lassen dies nicht zu.

Erst fünf Stunden später hebt der Flieger in Richtung Afghanistan ab und gegen 15.00 Uhr Ortszeit landen wir endlich in Kabul.

Während der Fahrt vom Flughafen zur Unterkunft wird mir erst richtig bewusst, dass ich Europa verlassen habe und mich in Afghanistan befinde.

Es ist Winter, die Straßen sind voll von Schnee und Schlamm, dadurch wird die Fahrt für mich noch unerträglicher. Obwohl ich vor knapp 18 Monaten das letzte Mal mit dem Vereinsmitglied Naim Akbarzadah hier war, trifft mich die Lage dennoch enorm. Die zerstörten Häuser, die vielen Obdachlosen, arbeitende Kinder auf den Straßen, die eigentlich hätten in der Schule sein müssen, all dies erschüttert mich und ich kann diese Eindrücke nicht einordnen.

Zum Abend hin wird es eisig kalt- um genau zu sein -9° Celsius, und wir haben weder Strom geschweige denn heißes Wasser. Man versucht das Haus mit Holz zu erwärmen. Ich muss mich wie alle anderen auch mit dieser Situation abfin- den.

Während der Nacht friere ich trotz meines dicken Pullovers ungemein. Ich kann es kaum erwarten, dass der Morgen anbricht.

Am nächsten frühen Morgen freue ich mich sehr über die Sonne und mache mich auf dem Weg zur Tagesschule Kalay- Fatullah. Herr Rassuli, der Schulleiter, und einige andere Lehrer erwarten mich bereits.

Nachdem Herr Rassuli mir die Schu- le gezeigt hat, gehen wir ins Lehrerzimmer und unterhalten uns bei einem „Cay Sabs“ (Grüner Tee) über unsere Vereinshilfe.

Um mir ein genaues Bild von der Schule machen zu können und mit guten Gewissen diese zu unterstützen, nehme ich an den Folgetagen an verschiedenen Unterrichtsstunden teil.

Es ist wirklich interessant für mich zu sehen, mit welch einer Begeisterung die Schüler das Unterrichtsgeschehen verfolgen. Man spürt deutlich ihren Wis- sensdrang.

Nach ca. einer Woche fangen wir allmählich mit den ersten Einkäufen für die Schule an. Ich gehe in Begleitung von zwei Lehrern, Herr Fahim S. und Herr Habib R., zum Schreibwarenmarkt nach Mandai Polle Baghmomie, in dem wir verschiedene Einkäufe wie z.B. Tafeln, Bücher, Hefte, Rucksäcke, Fußbälle, Vol- leybälle auf Wunsch der Mädchen, aber auch andere Schulmaterialien kaufen.

Der Bazar ist im Vergleich zu dem europäischen Standard sehr günstig, aber dennoch können wir mit den Händlern um die Preise feilschen, da wir die Materialien für einen wohltätigen Zweck brauchen.

Zudem haben wir eine Überraschung für die Kinder. Es gelingt uns einen Fern- seher und einen DVD Player zu kaufen; dadurch ermöglichen wir den Schülern sich im Unterricht Dokumentarfilme anzuschauen. Die Überraschung ist uns wirklich gelungen. Die Schüler waren überglücklich, da viele von ihnen noch nie einen Fernseher gesehen, geschweige denn einen besessen haben.

Ein weiteres großes Problem in der Schule waren die Sanitärbereiche. Nicht nur, dass diese einsturzgefährdet waren, eigentlich waren sie ganz außer Betrieb gesetzt.

Durch unsere Hilfe konnten die Sanitärbereiche wiederhergestellt und sogar separiert werden.

Nach vier Wochen konnte ich guten Gewissens nach Deutschland zurück fliegen. Wir hatten es in kürzester Zeit geschafft den Schülern/innen der Tagesschule Kalay-Fatullah nicht nur ein Lächeln zu schenken, sondern ihnen auch in einer schweren Zeit den Schulbesuch zu erleichtern.