Wana Limar

Traurige Geschichten bleiben besser in Erinnerung

Eine Handvoll Geld und eine Anweisung zum Drehbuchschreiben waren alles, womit sich der 18-Jährige Afghane Ali auf die Flucht machte.

28 Tage und 5500 Kilometer voller Ungewissheit, ob er die Reise übersteht, brachten ihn schließlich nach Hamburg. Seine Eltern musste er zurücklassen.

Ali hat typisch afghanische Attribute: olivfarbener Hautton, große mandelförmige Augen und eine markante Nase. Mit Sneakern, Jeans und einer Bomberjacke passt er ins deutsche Stadtbild – er ist unauffällig. Doch das, was Ali als Handy-Hintergrundbild gewählt hat, ist alles andere ist gewöhnlich: Ein von Brandverletzungen entstelltes Kind mit Verbänden um Gesicht und Hände, das  auf einen Zettel „FUCK YOU GOD“ schreibt.

Das Foto hat Ali im Internet gefunden. „Mein Bruder ist behindert. Daher weiß ich, wie schwer das Leben für einen Kranken und seine Familie ist“. Ali ist zurückhaltend und spricht sehr ruhig, während wir an den Luxusboutiquen des Neuen Walls vorbeilaufen. Durch dieses Foto versucht er sich selbst immer wieder daran zu erinnern, woher er kommt.

Ursprünglich stammen der 18-Jährige und seine Familie aus Kabul, Afghanistan. Aufgewachsen ist Ali aber in Teheran, Iran, mit seinen sieben älteren Geschwistern und seinen Eltern. Dort waren ihre Perspektiven jedoch alles andere als rosig: „Afghanen im Iran werden schlechter behandelt als Hunde“, sagt Ali. Verständnislosigkeit in seinem Gesicht. „Wir durften dort nicht studieren, nur Arbeiterjobs ausführen und wurden nie als gleichwertige Bürger anerkannt. Ich musste da raus“. Bis auf seine ältere Schwester Sarah flohen alle anderen Geschwister bereits vor mehreren Jahren nach Europa.

Vor zwei Jahren wagten Ali und Sarah schließlich auch den Schritt in die Ferne. Ali räuspert sich. Auf einmal wird seine Stimme dünn: „Den Moment, an dem ich mich von meinen Eltern trennen musste, werde ich nie vergessen“. Zwar versuchen die Kinder ihre Eltern zu sich nach Deutschland zu holen, aber das sei sehr schwierig, weil die beiden schon über 60 sind. „Wie sollen sie die Flucht packen? Das hätten wir Kinder selber ja fast nicht überlebt!“ Ali erzählt mir Geschichten von seiner 28-Tägigen Flucht, bei der er dem Tod mehrmals ins Auge blicken musste: Als er mit seiner Schwester Sarah, ihrem Mann und deren drei Kindern vom Iran über die  türkische Grenze wollte, steckten die Schmuggler sie zusammen mit 40 Leuten in einen kleinen LKW ohne Luftlöcher. Stundenlang fuhren sie über Berge, auf denen es nicht einmal Sandwege gab. „Der Laster hängt schief und du denkst, du fällst vom Berg. Jeder dachte sich: Heute Nacht sterbe ich.“

In der Türkei angekommen, mussten sie die Strecke nach Griechenland zu Fuß gehen. Eine Nacht machten sie Halt in einem türkischen Dorf und gerieten in heftige Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden. „Überall fielen Schüsse. Wir waren uns sicher, dass wir da nicht mehr lebendig rauskommen.“ Doch sie überlebten und Ali weiß das zu schätzen. „Egal, ob man eine Minute oder 100 Jahre lebt – das Leben ist immer zu kurz. Deswegen will ich meine Zeit so gut wie möglich nutzen und etwas draus machen.“

Inzwischen macht Ali sein Abitur in Hamburg und lebt in einer Jugendwohnung. Relativ schnell bekam er nach seiner Einreise eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung.  Als wir die Coffeeshops und Restaurants der Mönckebergstrasse passieren, ist Ali ist deutlich entspannter als zu Beginn. Er lächelt viel und öffnet sich. Er gibt zu, sich in der City kaum auszukennen, in den meisten Läden hier war er noch nie drin. „Ich finde keinen richtigen Anschluss in der Schule. Egal, ob die hier geboren sind oder nicht – am Ende sind sie trotzdem alle Deutsche. Ich gehöre noch nicht richtig dazu.“

Wenn seine Aufenthaltsgenehmigung im Sommer abläuft, hofft Ali in Hamburg studieren zu dürfen. Er ist gut in Mathe und IT, deswegen dachte er an Informatik. Außerdem habe man später damit gute Berufschancen. Auch Alis Eltern wollen, dass ihr Sohn etwas lernt, anstatt jobben zu gehen und ihnen Geld nach Teheran zu schicken. Wieder wird seine Stimme brüchig,  die Augen glasig: „Ich muss das hier nutzen. Ich kann jetzt nicht auf die schiefe Bahn geraten oder in der Küche arbeiten.“

Wir bleiben vor dem Thalia Theater stehen, Ali zündet sich eine Zigarette an. Informatik ist zwar interessant, doch wovon Ali in Wahrheit träumt, hat nichts mit Zahlen und Codes zu tun. Seine Leidenschaft ist der Film. Er erzählt, dass er seit über einem Jahr Teil von Hajusom ist, einem Theaterprojekt für Jugendliche mit Migrationshintergrund: „Im Schauspiel schreibe ich meine Geschichte selbst. Ich kann jeder sein.“ Wenn er selbst irgendwann einmal Filme machen kann, würde er am liebsten Dramen schreiben. „Geschichten, die traurig machen, bleiben besser in Erinnerung. Außerdem lernt man sich selbst erst am besten kennen, wenn man traurig ist.“ Daher faszinieren Ali Situationen, in denen Menschen auf die Probe gestellt werden. Er hatte mal einen iranischen Film gesehen, in dem es um einen Scheidungskrieg ging, bei welchem sich zum Schluss die Tochter des Paares vor Gericht für ein Elternteil entscheiden musste – offenes Ende. „Es ging nicht darum, für wen sie sich entscheidet, sondern darum, dass sie sich für einen entscheiden muss und den anderen zurücklässt.“

Doch genauso, wie Ali den Moment der Trennung von seinen Eltern nicht vergessen kann, wird er sich immer an den Augenblick erinnern, als er aus Griechenland am Dortmunder Flughafen landete. „Ich wurde nicht kontrolliert und konnte direkt zum Ausgang gehen. Draußen dann stampfte ich mehrmals in den Boden, um sicher zu stellen, dass ich nicht träume. Im Iran hatte ich oft davon geträumt nach Europa zu kommen und bin dann immer aufgewacht. Aber diesmal war es real.“