Mortaza Nawrozzadeh –

In Kabul verbringt man seine Kindheit glücklicherweise nicht mehr auf Kriegsfeldern, aber leider auch nicht mehr auf Spielplätzen, sondern bei der Arbeit.

Die Straßen Kabuls werden immer mehr von Kinderarbeit geprägt. Viele junge Afghanen sind verpflichtet einen wesentlichen Beitrag zum Lebensunterhalt ihrer verarmten Familien zu leisten. In den Kriegsjahren verloren viele afghanische Frauen ihre Ehemänner, so dass gemäß der Tradition der älteste, oftmals noch minderjährige Sohn plötzlich Kopf der Familie wurde. Dies hatte schwerwiegende Auswirkungen auf die gegenwärtige Situation.

Bis zu 60.000 Kinder arbeiten heute in den Straßen von Kabul. Die meisten von ihnen müssen oftmals bis zu 14 Stunden am Tag schwere Lasten schleppen oder Zeitungen und Kartons zu Recyclingzwecken sammeln. Je nach Erfolg müssen diese Kinder sich am Ende eines Tages mit ca. 0,80-1,0 EUR zufrieden geben.

Von den Augen dieser Kinder lässt sich das harte Leben auf den Straßen ablesen. Sie haben erschöpfte Gesichtszüge, sind meist mager und ihre Kleidung ist völlig durchlöchert. Tagtäglich entzieht ihnen die harte Arbeit einen weiteren Hauch ihrer Jugend, wobei nicht mehr viel Zeit für Bildung bleibt. Es verwundert daher nicht, dass junge afghanische Kinder für ihr junges Alter, anders als vergleichsweise europäische Kinder, sehr reif denken und handeln, beinahe, als wären sie unberührt von schönen Kindheitserfahrungen, wie wir sie aus Europa kennen. So kommt es vor, dass ein 14 jähriger afghanischer Junge weniger von Internet, Videospielen oder Kino träumt, sondern sich vielmehr darüber den Kopf zerbricht, ob seine kleine Schwester morgen in die Schule gehen kann, bzw. ob das Essen bis zum Monatsende für die ganze Familie reicht. Wer zum ersten Mal einem afghanischen Kind beim Schildern seiner kurzen Lebensgeschichte zuhört, der ist von der Tapferkeit dieser jungen Seele gerührt und gleichzeitig schockiert über die furchtbaren Erfahrungen, die man sich nicht einmal im Traum hätte vorstellen können. Gott sei Dank wissen wir, wie man Kindheit auf Deutsch buchstabiert!

Der Weg zum Frieden führt über den Schulhof

Mortaza Nawrozzadeh

Das Bildungsniveau im heutigen Afghanistan ist sehr niedrig. Zwar wurde das staatliche Bildungssystem wieder etabliert, dennoch sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts ca. 90% Prozent aller Frauen und 50 % der Männer Analphabeten.

30 Jahre Krieg, Terror und Zerstörung haben ihre Spuren hinterlassen. Mit dem Projekt „Afghanistan“ möchten wir zunächst die Tagesschule Kalay- Fatullah mit den nötigen Materialien versorgen um somit den Schülern in solch einer schweren Zeit den Schulbesuch zu erleichtern.

Die Tagesschule unterrichtet seit 2003 ca. 340 Schüler/innen in den Fä- chern Dari/Farsi, Englisch, Deutsch, Französisch, Mathematik, Physik, EDV und Sport. In den neun Klassen werden Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet. Obwohl keine geschlechtliche Trennung besteht, müssen die Mädchen in den vorderen und die Jungen in den hinteren Reihen sitzen. Diese Schulform ist ein großer Fortschritt gegenüber dem Taliban-Regime, in der Mädchen kein Recht auf Bildung besaßen. Die Klassen- räume vieler afghanischer Schulen sind sehr klein, einfach und karg möbliert. Dies ist auch der Fall an der Tagesschule Kalay- Fatullah.

Aufgrund der beengten Räumlichkeiten und der großen Schüleranzahl, 45 pro Klasse, ist es nicht möglich alle Klassenzimmer mit ausreichend Tischen auszustatten, da schlichtweg der Platz fehlt. Aus diesem Grund sind die Schü- ler/innen gezwungen, ihre Mitschriften auf ihrem Schoß zu führen.

Der Zuwachs ist weiterhin auf die Rückkehr der Mädchen und Frauen in die Klassenzimmer zurückzuführen, die fast zehn Jahre lang von der Bildung ausge- schlossen waren.

Trotz der liberalisierten Schulform, sind viele Eltern traditionsbedingt dagegen, dass ihre Töchter ein Klassenzimmer mit Jungen teilen, ganz zu schweigen von den gemeinsamen Sanitärbereichen- denn jede zweite Schule in Afghanistan besitzt keine separaten Toiletten. Unser Verein setzte sich das Ziel die Schule Ka- lay-Fatullah mit Büchern sowohl für den Unterricht als auch für die Schulbiblio- thek auszustatten. Für die Klassenräume sahen wir stabile Stühle und Lehrerpulte, sowie Bälle und andere Sportausrüstungen für den Sportunterricht vor. Mortaza N. flog am 4. März ́07 nach Kabul, um unsere Pläne in die Tat umzusetzen.

Es ist Sonntag, der 4. März ́07. Nach sechs Stunden Flug machen wir einen Zwischenstop in Dubai. Der Flieger soll um 7.00 Uhr morgens starten, doch zu meinem Bedauern er- hält er keine Erlaubnis, die schlechten Wetterbedingungen in Kabul lassen dies nicht zu.

Erst fünf Stunden später hebt der Flieger in Richtung Afghanistan ab und gegen 15.00 Uhr Ortszeit landen wir endlich in Kabul.

Während der Fahrt vom Flughafen zur Unterkunft wird mir erst richtig bewusst, dass ich Europa verlassen habe und mich in Afghanistan befinde.

Es ist Winter, die Straßen sind voll von Schnee und Schlamm, dadurch wird die Fahrt für mich noch unerträglicher. Obwohl ich vor knapp 18 Monaten das letzte Mal mit dem Vereinsmitglied Naim Akbarzadah hier war, trifft mich die Lage dennoch enorm. Die zerstörten Häuser, die vielen Obdachlosen, arbeitende Kinder auf den Straßen, die eigentlich hätten in der Schule sein müssen, all dies erschüttert mich und ich kann diese Eindrücke nicht einordnen.

Zum Abend hin wird es eisig kalt- um genau zu sein -9° Celsius, und wir haben weder Strom geschweige denn heißes Wasser. Man versucht das Haus mit Holz zu erwärmen. Ich muss mich wie alle anderen auch mit dieser Situation abfin- den.

Während der Nacht friere ich trotz meines dicken Pullovers ungemein. Ich kann es kaum erwarten, dass der Morgen anbricht.

Am nächsten frühen Morgen freue ich mich sehr über die Sonne und mache mich auf dem Weg zur Tagesschule Kalay- Fatullah. Herr Rassuli, der Schulleiter, und einige andere Lehrer erwarten mich bereits.

Nachdem Herr Rassuli mir die Schu- le gezeigt hat, gehen wir ins Lehrerzimmer und unterhalten uns bei einem „Cay Sabs“ (Grüner Tee) über unsere Vereinshilfe.

Um mir ein genaues Bild von der Schule machen zu können und mit guten Gewissen diese zu unterstützen, nehme ich an den Folgetagen an verschiedenen Unterrichtsstunden teil.

Es ist wirklich interessant für mich zu sehen, mit welch einer Begeisterung die Schüler das Unterrichtsgeschehen verfolgen. Man spürt deutlich ihren Wis- sensdrang.

Nach ca. einer Woche fangen wir allmählich mit den ersten Einkäufen für die Schule an. Ich gehe in Begleitung von zwei Lehrern, Herr Fahim S. und Herr Habib R., zum Schreibwarenmarkt nach Mandai Polle Baghmomie, in dem wir verschiedene Einkäufe wie z.B. Tafeln, Bücher, Hefte, Rucksäcke, Fußbälle, Vol- leybälle auf Wunsch der Mädchen, aber auch andere Schulmaterialien kaufen.

Der Bazar ist im Vergleich zu dem europäischen Standard sehr günstig, aber dennoch können wir mit den Händlern um die Preise feilschen, da wir die Materialien für einen wohltätigen Zweck brauchen.

Zudem haben wir eine Überraschung für die Kinder. Es gelingt uns einen Fern- seher und einen DVD Player zu kaufen; dadurch ermöglichen wir den Schülern sich im Unterricht Dokumentarfilme anzuschauen. Die Überraschung ist uns wirklich gelungen. Die Schüler waren überglücklich, da viele von ihnen noch nie einen Fernseher gesehen, geschweige denn einen besessen haben.

Ein weiteres großes Problem in der Schule waren die Sanitärbereiche. Nicht nur, dass diese einsturzgefährdet waren, eigentlich waren sie ganz außer Betrieb gesetzt.

Durch unsere Hilfe konnten die Sanitärbereiche wiederhergestellt und sogar separiert werden.

Nach vier Wochen konnte ich guten Gewissens nach Deutschland zurück fliegen. Wir hatten es in kürzester Zeit geschafft den Schülern/innen der Tagesschule Kalay-Fatullah nicht nur ein Lächeln zu schenken, sondern ihnen auch in einer schweren Zeit den Schulbesuch zu erleichtern.